Das November-Pogrom 1938

Brandstiftungen und Plünderungen in Darmstadt
Hanni Skroblies + Christoph Jetter

Am 9.November 1938 organisierten die deutschen Faschisten landesweit ein Pogrom gegen die Juden. Die Synagogen wurden angezündet, Geschäfte geplündert, Menschen zusammengeschlagen, getötet oder verhaftet. An dieser Stelle veröffentlichen wir einen Bericht darüber, welche Verbrechen an diesem Tag in Darmstadt begangen wurden. Der Text wurde uns von der Darmstädter Geschichtswerkstatt zur Verfügung gestellt.

Die von den Nationalsozialisten zielstrebig betriebene Entrechtung der deutschen Juden griff immer einschneidender in deren persönliche Lebensbereiche ein.

Die Folge war auch in der Nazihochburg Darmstadt eine starke Zunahme der Emigration – in Wirklichkeit: der Flucht und der Vertreibung. Bis 1938 verließen ungefähr 500 von den ca. 1500 Juden, die Mitte 1933 noch in Darmstadt lebten, ihre Heimatstadt. Etwa die gleiche Zahl folgte bis 1940. Trotz Auswanderung und Vertreibung blieb aber die Zahl der in Darmstadt lebenden Juden ungefähr stabil, weil zahlreiche Juden aus dem Umland nach Darmstadt zogen, wo sie sich mehr Anonymität und Schutz als in ihren ländlichen Heimatgemeinden versprachen.

Die Unmenschlichkeit der Verfolgung erreichte mit der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 einen neuen Höhepunkt. Ein junger polnischer  Jude, Herschel Grünspan, hatte aus Protest gegen die Abschiebung tausender polnischer Juden, die von Werner Best, dem in Darmstadt geborenen SS-Karrieristen im Reichssicherheitshauptamt In Berlin organisiert worden war, ein Attentat auf einen Angestellten der deutschen Botschaft in Paris verübt. Die Partei- und SA-Führung reagierte nach einer antisemitischen Hetzrede von Goebbels am 9. November in München mit „spontanen“ Befehlen zur Brandstiftung und Zerstörung der deutschen Synagogen. Im Vollzugsbericht der SA-Brigade 50 (Starkenburg) ist protokolliert: Die Brandstifter von SA und SS zerstörten zuerst die beiden Synagogen in Darmstadt, dann die in Eberstadt. Schlägertrupps demolierten Wohnungen, Geschäfts- und Büroräume von Juden und misshandelten vielfach deren Bewohner. Einige der Opfer starben an den Folgen. Die Bevölkerung reagierte teils mit Beifall, teils mit Schweigen oder Wegsehen. Nur von zwei Beispielen schützender Intervention durch Nachbarn wissen wir: in Eberstadt konnte Friedrich Reeg zunächst die Verhaftung seines Nachbarn Ludwig Guckenheimer verhindern; in Arheilgen kümmerte sich der Bekenntnispfarrer Karl Grein und eine Augenzeugin um die Tochter des Verlegers Aron Reinhardt, die sich aus dem Fenster gestürzt hatte, als ein SA-Trupp  das Haus ihres Vaters überfiel. 169 Juden aus Darmstadt wurden ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht, von dort nach einigen Wochen mit der Auflage zur Emigration entlassen. Den deutschen Juden wurde eine „Sühne-Abgabe“ von 1 Milliarde Mark auferlegt. Den Darmstädter Juden wurden zynischerweise 37.000 Mark für die Beseitigung der Synagogentrümmer abverlangt. Als die Synagogen-Grundstücke 1940 an die Stadt verkauft werden mussten, erhielt die jüdische Gemeinde wegen dieser Forderung der Stadt nur noch einen lächerlich geringen Kaufpreis. An den ehemaligen Standorten der drei zerstörten Synagogen befinden sich heute Gedenktafeln  und der Erinnerungsort für die ehemalige Liberale Synagoge.

Am 9. November 1988, 50 Jahre nach der Progromnacht des Jahres 1938 und der Vernichtung der Darmstädter Synagogen, wurde die in der Wilhelm-Glässing-Straße neu errichtete Synagoge der Jüdischen Gemeinde Darmstadt geweiht. Sie ist nach dem Fall der Mauer 1989 und der danach folgenden Zuwanderung  vieler Juden aus der ehemaligen Sowjetunion inzwischen zu einem  Ort des „Zuhause für Juden verschiedenster  Nationen“ (Daniel Fränkel) und zu einem offenen Ort der religiösen und kulturellen Begegnung in Darmstadt  geworden – nicht zuletzt aber zu einem Ort bleibender Trauer und Erinnerung an die Barbarei und an die Verfolgung in den zwölf Jahren des Naziregimes, an deren Ende die vor 1933 blühende Jüdische Gemeinde Darmstadts ausgelöscht war.

09.11.2013