Promovierende, sog. Wissenschaftler*innen in der Qualifikationsphase – auch Doktorand*innen genannt – forschen, lehren und betreuen Studierende. Sie nehmen im Hochschulsystem eine besondere Stellung ein: Viele von ihnen forschen und lehren als Beschäftigte während sie zugleich an ihrer eigenen wissenschaftlichen Qualifikation arbeiten. Als wissenschaftliches Personal unterhalb der Professuren sind sie ein integraler Bestandteil des Hochschulbetriebs. Doch ihre Arbeitsbedingungen sind dagegen von Kettenbefristungen, unsicheren Perspektiven und finanzieller Abhängigkeit geprägt. Grundsätzlich ist die prekäre Realität wissenschaftlicher Karrieren kein neues Phänomen. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG) ermöglicht weitreichende Befristungen zum Zweck der wissenschaftlichen Qualifikation. In der Praxis führt dies dazu, dass auch Beschäftigte, die dauerhaft Aufgaben in Forschung und Lehre übernehmen, oft nur kurzfristige Verträge erhalten.
Unter dem Hashtag #IchbinHanna haben Wissenschaftler*innen seit 2021 bundesweit auf diese Zustände aufmerksam gemacht: auf Kettenbefristungen, fehlende Karriereperspektiven und ein System, in dem viele jahrelang auf eine Professur hinarbeiten, ohne eine verlässliche Perspektive in der Wissenschaft zu haben. Die schlechten Arbeitsbedingungen sind weitaus mehr als ein individuelles Beschäftigungsproblem. Wer regelmäßig um die Verlängerung des eigenen Vertrags bangen muss und beruflich von wenigen Vorgesetzten abhängig ist, kann wissenschaftliche Arbeit kaum unabhängig gestalten. Existenzdruck und Konkurrenz führen dazu, dass kritische Fragen zurückgestellt, langfristige Vorhaben aufgegeben und Menschen von einer wissenschaftlichen Laufbahn abgeschreckt werden. Dabei ist unabhängige Wissenschaft von erheblicher gesellschaftlicher Bedeutung. Sie muss bestehende Verhältnisse hinterfragen und auch Erkenntnisse hervorbringen können, die politischen oder wirtschaftlichen Interessen widersprechen. Gute Arbeitsbedingungen sind deshalb keine bloße Zusatzleistung: Sie gehören zu den Voraussetzungen einer freien Wissenschaft und einer demokratischen Gesellschaft.
An der Hochschule Darmstadt kommt für viele Promovierenden im Mittelbau nun noch die drohende Armut hinzu, denn es steht bzw. stand im Raum, dass der Umfang ihrer Stellen massiv gekürzt werden soll; auf 30 Prozent und damit weit unter den vorgesehenen Mindeststandards. Für internationale Promovierenden ist damit unter Umständen auch ihr Aufenthaltsstatus gefährdet. Dabei hat auch die Hochschule Darmstadt Ende 2021 den sog. Kodex für gute Arbeit an Hessens Hochschulen unterzeichnet. Diese Selbstverpflichtung enthält „Grundsätze für eine bessere Beschäftigungsqualität“, so heißt es auf der Webseite des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur (HMWK) [-> verlinke https://hessen.de/presse/kodex-fuer-gute-arbeit-verbessert beschaeftigungsqualitaet]. Unter Paragraf 5 sind entsprechende Mindeststandards für beschäftigte Promovierende festgehalten: Absatz 6 sieht einen Stellenumfang von mindestens 50 Prozent vor. Mindestens ein Drittel der Arbeitszeit soll für die eigenständige wissenschaftliche Qualifikation zur Verfügung stehen. Auch die Mindestvertragslaufzeit ist im Kodex geregelt: Für den ersten Regelbeschäftigungsvertrag sind in der Regel mindestens drei Jahre (gem. § 5 Abs. 4), für Anschlussverträge im Regelfall mindestens zwei Jahre (gem. § 5 Abs. 5) vorgesehen. Doch die Realität ist einen ganz andere: Promovierende erhalten meist nur einjährige Verträge, obwohl sie Zeit für ihre Promotion benötigen und zugleich Aufgaben in Forschung und Lehre erfüllen. Extreme Kürzungen der Stellenumfänge – wie an der Hochschule Darmstadt angekündigt – verschärfen die Notlage weiter.
Unabhängig vom Kodex empfiehlt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) für Promotionsstellen in der Regel sogar Beschäftigungsumfänge von 65 Prozent und mehr. Es zeigt sich längst, dass der Kodex gerade dann, wenn es drauf ankommt, versagt. Doch damit geben wir uns nicht zufrieden! Denn wer solche Standards unterzeichnet, muss sich an ihrer Umsetzung messen lassen. Sie sollen gerade verhindern, dass wissenschaftliche Qualifikation unter Bedingungen stattfindet, die weder eine ausreichende Existenzsicherung noch genügend Zeit für eigenständige Forschung gewährleisten. Mit dem katastrophalen Hessischen Hochschulpakt 2026-2031 sind die Hochschulen unter erheblichen finanziellen Druck geraten.
Die Kürzungspolitik der rot-schwarzen Landesregierung führt zu Stellensperrungen, Stellenabbau und schlussendlich zu deutlich schlechteren Beschäftigungsbedingungen, die gegen eigene Grundsätze verstoßen. Was den Hochschulen samt ihren Studierenden, Beschäftigten und Promovierenden als Planungssicherheit vermittelt wurde, entpuppt sich (mit Ankündigung) an nahezu allen hessischen Hochschulen als eine Kürzungssicherheit. Besonders widersprüchlich ist, dass im vorherigen Hochschulpakt (bis 2025) zusätzliche Mittel für den wissenschaftlichen Mittelbau an den Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) vorgesehen waren. Nun geraten gerade diese Stellen unter erheblichen Druck, verursacht durch die strukturelle Unterfinanzierung. Die Verantwortung dafür liegt allerdings nicht allein beim Land.
Auch die Hochschule Darmstadt muss sich als Arbeitgeberin an ihren eigenen Standards messen lassen. Während die hiesige Hochschulleitung bei der Debatte um den Hochschulpakt vor allem die politisch propagierte Planungssicherheit und Hochschulautonomie betont hat, blieb eine entsprechend deutliche, öffentliche Kritik an den drohenden Einschnitten (im Vergleich zu Äußerungen anderer Hochschulleitungen) weitestgehend aus. Hochschulautonomie bedeutet jedoch auch Verantwortung für die eigenen Beschäftigten. Wer die finanziellen Rahmenbedingungen mitträgt, darf die Folgen nicht einfach als alternativlos behandeln. Inzwischen wurden einzelnen Promovierenden Aufstockungen aus den Prämienfonds von Professor*innen angeboten. Das kann die Situation einzelner Betroffener verbessern, löst das strukturelle Problem aber nicht: Solange die Aufstockungen ungleich verteilt sind und ein großer Teil weiterhin unter 50 Prozent beschäftigt bleibt, bleibt der Mindeststandard verfehlt. Gute Arbeitsbedingungen dürfen nicht vom Wohlwollen einzelner Professor*innen oder den finanziellen Spielräumen einzelner Fachbereiche abhängen. Auch Stipendien sind kein gleichwertiger Ersatz für sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) macht seit Langem auf die prekäre Beschäftigungssituation in der Wissenschaft aufmerksam und kritisiert die geplanten Kürzungen an der h_da deutlich. Der Druck auf Hochschule und Landesregierung ist notwendig, damit die vereinbarten Mindeststandards nicht weiter ausgehöhlt werden. Auch die lokale Studierendenvertretung hat sich auf Antrag der Linken Liste Darmstadt mit einer verabschiedeten Resolution solidarisch an der Seite der Promovierenden positioniert.
Die Situation an der h_da steht in einem größeren Zusammenhang. Kürzungen im Bildungsbereich betreffen Hochschulen, Schulen und weitere Einrichtungen. Ihre Folgen werden häufig erst sichtbar, wenn Stellen wegfallen, Arbeitsbelastungen steigen oder ganze Angebote (wie Studiengänge, etc.) eingestellt werden. Mit der „Bibliothek der Kürzungen“ [-> verlinke https://deine.gew.app/bibliothek der-kuerzungen] stellt die GEW Hessen ein Meldeportal bereit, um solche Entwicklungen landesweit öffentlich sichtbar zu machen. Auch die Kürzungen bei den Promotionsstellen an der h_da gehören in diesen Zusammenhang und entsprechen einem Eintrag im Meldeportal. Wer weitere Einschnitte im Bildungsbereich kennt oder selbst von ihnen betroffen ist, kann sie dort melden und dazu beitragen, dass die Auswirkungen der Sparpolitik nicht als vereinzelte Fälle verschwinden.
Weder Promovierende noch Studierende und andere Beschäftigte dürfen die Zeche für eine Politik zahlen, die Bildung und Wissenschaft finanziell unter Druck setzt. Eine demokratische Gesellschaft braucht unabhängige Wissenschaft und gute Bildung – und beides braucht verlässliche Arbeitsbedingungen frei vom Zwang des Geldes!