Achtzig Jahre Machtübergabe an den Faschismus

IV Erinnerungen von Phillip Benz
Phillip Benz

Am 30.Januar 2013 jährte sich zum achtzigsten Mal die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. In siehsmaso wollen wir aus diesem Anlass in einer Artikelserie darstellen, wie sich dieser Prozess nicht nur auf der Ebene des Reiches darstellte, sondern auch wie er sich konkret in Darmstadt vollzog.  Als vierten und letzten Teil dieser Serie veröffentlichen wir die Erinnerungen von Phillip Benz, der 1933 ein junges Mitglied der KPD in Arheilgen war. Er schildert, wie er die Übergabe der Macht an die Nazis, Verhaftungen und das Lager Osthofen erlebte. Phillip Benz starb 2011. Der Text entstammt dem Arbeitskreis Geschichte der DKP Darmstadt-Dieburg.

Hitler wird Reichskanzler

Nach der Rundfunkmeldung von der Berufung Hitlers zum Reichskanzler führte mich mein Weg nach Darmstadt zum Unterbezirksbüro der KPD in der großen Ochsengasse. Unterwegs begegneten uns (in meiner Begleitung befanden sich noch zwei Genossen) SA-Trupps, die nach Darmstadt marschierten. Es war ein Spießrutenlaufen, denn wir wurden in massiver Weise beschimpft und teilweise auch tätlich angegriffen. Eine besondere Gemeinheit leisteten sich SA-Leute, die einen alten Genossen nicht nur mißhandelten, sondern auch noch anpinkelten.
Da unser Weg am Gewerkschaftshaus vorbeiführte, wurden wir Zeugen einer Kundgebung der ‘?‘Eisernen Front’’. Die Redner Willi Richter vom örtlichen Gewerkschaftskartell und Karl Seubert, Vorsitzender der SPD, sprachen von den Folgen des Machtwechsels, aber nicht von Gegenmaßnahmen. Zum Schluß forderten sie die Zuhörer mit den Worten auf: ‘‘Genossen, geht zurück in eure Quartiere, wir rufen Euch diese Woche noch einmal’’.
Im Unterbezirksbüro fanden sich nach und nach die führenden Genossen ein, und wir stellten auf einem Abziehapparat einen von Georg Fröba verfaßten Aufruf her. In diesem forderten wir zum Generalstreik auf und bekundeten unseren Willen, mit allen abwehrbereiten Kräften eine Einheitsfront herzustellen. Am frühen Morgen des 31.1.33 verteilte ich mit einem Genossen aus Erzhausen an den Stadtwerken (heute Südhessische Gas- und Wasser-A.G.) unseren Appell und konnte nicht begreifen, wie die Arbeiter unberührt von den Ereignissen ihre Arbeit aufnahmen. Einige weigerten sich kategorisch, unsere Flugblätter entgegen zu nehmen. Nach kurzer Zeit erschien ein Überfallkommando der regulären Schutzpolizei (Schupo), beschlagnahmte die Flugblätter und nahm uns mit in ihre Kaserne, in der wir bis zum Abend bleiben mußten. Ein höherer Polizeioffizier erklärte uns zynisch, das geschehe nur zu unserem eigenen Schutz.
Zu Hause erwartete mich eine weitere Überraschung: die örtliche Polizei hatte meinen Paß eingezogen und eine Hausdurchsuchung war erfolgt. Außer einigen Büchern wurde nichts gefunden, denn ich hatte, wie viele andere Genossen, vorgesorgt und wichtige Dokumente bei Sympathisanten untergebracht.
Nun begann ein Zeitabschnitt, der nicht leicht einzuschätzen ist. Nach außen lief alles wie gewohnt, die Arbeitslosen gingen zum Stempeln, es bildeten sich anschließend Gesprächsgruppen, die wie seither über die eingetretene Situation diskutierten. Aber es war auch zu erkennen; daß einige Arbeitslose den Parolen der Nazis begannen Glauben zu schenken, Unterschiede in der Bewertung gab es zwischen den SPD-Mitgliedern und uns. Wir forderten die Einheitsfront und Aktionen um Hitler zu stürzen, während viele Sozialdemokraten immer noch das Legalitätsprinzip verteidigten. Sie hofften auf die Wahlen am 5. März. Eine weitere Illusion war das Warten auf ein Eingreifen des Auslandes, besonders Frankreichs und Englands. Da wir an diese Möglichkeit nicht glaubten, warf man uns vor, Unruhe zu stiften und die Arbeiter in unüberlegte Handlungen treiben zu wollen. Die reguläre Polizei wurde durch eine Hilfspolizei verstärkt, vorwiegend SA-Leute mit ‘‘Kampferfahrung’?’. Willige Arbeitslose, die an die Parolen ‘‘Arbeit und Brot’’ glaubten, wurden einer militärähnlichen Ausbildung unterzogen und waren von der Straße. Es war beschämend zu sehen, wie sich ehemalige Kollegen und Alterskameraden in der braunen Uniform benahmen und andere, die ihnen nicht folgten, terrorisierten. Freundschaften gingen in die Brüche, Familien zerfielen, seither geltende Wertvorstellungen verloren ihre Gültigkeit, Mißtrauen und Vorsicht beherrschten Diskussionen und Gespräche, aber auch Angst vor dem was kommen würde machte sich bemerkbar.
Wir gingen unserer Parteiarbeit nach, ich als Vorsitzender der ‘‘Roten Hilfe“ und als Instrukteur für die Partei. Beiträge wurden kassiert und abgerechnet, nur etwas konspirativer und vorsichtiger. (...)  Während in der Stadt Genossen in unterirdischen Kartoffellagern und einem Brauereikeller mißhandelt wurden, verhinderte der dörfliche Charakter meiner Gemeinde noch solche Ausschreitungen.

Nach dem Reichstagsbrand: Verhaftungen und Beschlagnahmungen

Das wurde anders, als der Reichstag am 27.2.33 brannte. Hausdurchsuchungen und Vorladungen auf die Polizeireviere waren an der Tagesordnung. Nun war es vorbei mit öffentlichen Zusammenkünften, jetzt trafen wir uns im Wald an geheimen Plätzen, denn die Reichstagswahl am 5.3. erforderte vermehrte Aufklärungsarbeit durch das Wort und die Schrift. Die Nazis, die ungehindert ihr propagandistisches Trommelfeuer entfalten kannten, machten es uns schwer, in der Öffentlichkeit zu wirken.
Am 1. März wurden alle Aktivitäten der KPD und den ihr nahestehenden Organisationen, wie Rote Hilfe, Internationale Arbeiterhilfe, Jugendverband usw. untersagt. Das Unterbezirksbüro in Darmstadt und unser Arheilger Buchladen wurden geschlossen, aber wir hatten vorgesorgt. Den Abziehapparat, die Fahnen und die Bücher der Leihbibliothek hatten wir ausgelagert und bei unverdächtigen Sympathisanten untergebracht. Wir waren auch durch die Notverordnung des Reichspräsidenten vom 4.2.33 zum Schutz des deutschen Volkes vorgewarnt und konnten rechtzeitig reagieren. Es war auch den Nazis nicht entgangen, daß in dem bewußten Teil der Arbeiterschaft und der Erwerbslosen die Forderung nach der Einheit von SPD und KPD an Bedeutung gewann. In einigen Orten des Kreises, auch in den von mir betreuten, gab es Einheitsausschüsse, die gemeinsam handelten und im Rahmen ihrer Möglichkeiten in die Öffentlichkeit gingen.
Vom Wahltag selbst ist wenig zu vermelden, es gab keine Zwischenfälle. Doch am Morgen des 6. März wurde ich von SA-Hilfspolizisten abgeholt und zum Rathaus gebracht. Dort waren schon der Bürgermeister, der Beigeordnete, Gemeinderäte und weitere Funktionäre der SPD und KPD. Wir mußten mit ansehen, wie die schwarz-rot-goldene Fahne der Republik mit anderen Emblemen verbrannt wurde. Entsprechende Hinweise und Drohungen begleiteten diese makabre Zeremonie. Beschwörend wurden wir Kommunisten von einigen Sozialdemokraten aufgefordert, nichts mehr zu unternehmen, was zu Repressalien führen könnte.
Diese stellten sich schon die nächsten Tage ein.
Bei mir und auch anderen Arbeiterfunktionären erschienen SA-Trupps von ca. 10 - 15 Mann, die uns zwangen, mit Wassereimern, Draht- und Wurzelbürsten Wahlplakate oder Inschriften zu entfernen. Mich führte man vor eine Ziegelsteinwand, auf der mit weißer Ölfarbe die Parole aufgebracht war: ‘‘Wählt Thälmann.’’ Der Anführer des Trupps, ein späterer Berufskollege, der sich 1945 wie viele andere nicht mehr daran erinnerte, rief mir lautstark zu: ‘?‘Jetzt müßt ihr bluten!’’ Nun waren die Nachbarn aufmerksam geworden und beschimpften die SA-Männer und halfen mir, die Inschrift zu beseitigen. Einer nach dem anderen aus dem SA-Trupp verließ den Platz, so daß ich am Schluß mit den Nachbarn alleine war und unbehelligt gehen konnte. Das war nur eine Schikane von vielen, die auch in der Stadt und den Dörfern der Umgebung gegen Arbeitervertreter angewandt wurden.
Die folgenden Wochen waren geprägt von Machtdemonstrationen auf allen Ebenen. Eine davon zur der sogenannte ‘‘Tag von Potsdam’’, als Reichspräsident von Hindenburg Hitler die sogenannten ‘‘Höheren Weihen’’ verlieh. Auch in unserem Ort gab es einen Fackelzug. Dabei färbte sich unerklärlicherweise im Osten der Himmel rot, was auf ein Feuer hindeutete. Sofort hörte man Rufe ‘‘das haben die Kommunisten gemacht’?’, und SA und Hilfspolizei suchten daraufhin nach uns. Mittlerweile war aber die Ursache ermittelt: der Gutspächter des großherzoglichen Gutes in Kranichstein hatte einen Strohhaufen als Freudenfeuer angezündet.
Eine weitere Groteske ereignete sich, als die örtliche SA eine Ansammlung von Arbeitslosen an dem früheren gewerkschaftseigenen Gasthaus ‘‘zum Löwen’’ auflösen wollte. Sie kamen im Laufschritt aus ihrem Sturmlokal, ca. 100 m entfernt, heran. Der Anführer gab das Kommando: ‘‘Sturmriemen und Schußwaffen frei!’’ In diesem Moment fiel ein Schuß, ein SA-Mann fiel laut schreiend um. Was war passiert? Der Schütze war er selbst; im Übereifer hatte er seinen Revolver abgedrückt, als der noch in der Hosentasche war. Gelächter und Schadenfreude begleiteten seinen Abtransport. So war der Sturmangriff gescheitert.

Verpflichtung zur Arbeit auf dem Lande

Ich stand nun vor der Frage: Was wird aus mir? Polizeiliche Vorladungen, Hausdurchsuchungen und ähnliche Schikanen waren an der Tagesordnung, Genossen wurden von heute auf morgen aus ihren Arbeitsstellen verjagt. Alle Verwaltungen wurden nach und nach mit Nazis besetzt. Ein neues Gesetz mit dem Titel ‘?‘Herstellung des Berufsbeamtentums’’ war die Grundlage. Anfang Mai bekam ich als Arbeitsloser die Aufforderung vom Arbeitsamt, mich bei einem Bauern im Odenwald als Landhelfer einzufinden, um mir eine Anwartschaft als Volksgenosse zu erwerben. Die Wahl fiel auf Rimhorn bei Höchst im Odenwald. Der Wochenlohn betrug 5.- RM abzüglich 80 Pfennige für Sozialbeiträge, und das für eine Arbeitszeit von 4.30 Uhr bis 20 Uhr, während der Erntezeit (Heu und Getreide) auch Sonntags. Der Betrieb war nicht groß, er besaß nur ein Pferd und 5 Kühe, die Mahlzeiten bestanden aus Nahrungsmitteln eigener Erzeugung, in der Regel Kartoffeln, Brot, Salate und Gemüse je nach Jahreszeit. Der Brotaufstrich wurde aus Fallobst hergestellt: Äpfel, Birnen und Kernobst Butter und Eier wurden verkauft, um Bargeld zu erhalten. Einmal im Jahr durfte ein Schwein geschlachtet werden, das an die Nachbarn verkauft wurde, für den eigenen Verbrauch blieben nur ein paar Würste. Im allgemeinen war die Lage der Bauern, auch der größeren, schlecht. Sie lebten von Ernte zu Ernte, und wenn diese durch Witterungsbedingungen gering war, mußte Vieh verkauft werden. Der Viehhändler war ein Jude aus Bad König, was den Bauern nichts bedeutete, obwohl sie in der Mehrzahl Nazis waren.
Die anfallenden Arbeiten waren mir aufgrund meiner Herkunft nicht fremd, aber der Lohn war einfach unzureichend. Für Kleidung und Schuhe mußte ich selbst sorgen. Andere Landhälfer erhielten von ihren Brotherren hin und wieder Extrazuwendungen über den festgelegten Betrag hinaus. Daraufhin wurde ich bei meinem Bauern vorstellig und wollte auch etwas mehr Geld. Die Folge war, daß dieser über den Ortsbauernführer sich beim Arbeitsamt Darmstadt über mich beschwerte. Darauf erschien der zuständige Sachbearbeiter mit dem Ortsbauernführer, um mir meine Lage in der Form klarzumachen, daß ich Überhaupt nichts zu verlangen hätte. Ich sei politisch unzuverlässig, und für solche Leute hätte man ein Lager in Osthofen eingerichtet. Dabei erfuhr ich auch, daß der Ortsbauernführer mit meiner Überwachung beauftragt war.
Ein früheres Lungenleiden und die unzureichende Ernährung minderten erheblich meine körperlichen Kräfte. Aufhören war nicht möglich, denn ein halbes Jahr war Pflicht.
(...)
Wer an die damaligen Phrasen der Machthaber vom gesunden völkischen Dorfleben glaubte, wurde, wenn er wie ich hier leben mußte, drastisch eines Besseren belehrt. Alte Bauern, die ihren Hof übergaben, wurden unnütze Esser. Das Erbhofgesetz, von Hitler eingeführt, begünstigte nur einen Sohn, die anderen wurden Fabrikarbeiter oder Tagelöhner. Neid und Mißgunst herrschten vor, die Anständigen hielten sich aus Furcht vor Repressalien zurück und waren dadurch isoliert. Das Bildungsniveau der Landbevölkerung war erschreckend. Die wenigsten besaßen ein Radio, die Zeitungen waren schon gleichgeschaltet, und die fachlich ausgerichteten Bauernzeitungen orientierten hauptsächlich über Preise und landwirtschaftliche Produktionsweisen.
(...)

Lager Osthofen

Mitte August 1933, nach der Getreideernte, beendete ein Fieberanfall meine Landhelferzeit. Meine Mutter veranlaßte eine Untersuchung meiner Lunge in einer benachbarten Heilstätte, deren Ergebnis zur vorzeitigen Auflösung meiner Verpflichtung führte. Der Bauer und seine Frau erklärten sofort, daß ich als Kranker für sie wertlos sei und stimmten erleichtert der Auflösung zu, worauf ich wieder nach Hause kam.
Nach ca. 14 Tagen, Anfang September, ich war wieder einigermaßen gesund, besuchte mich an einem Montag ein Jugendgenosse aus Weiterstadt, als der Ortspolizist mit einem SA-Mann erschien und mich aufforderte, ihn sofort auf die Bürgermeisterei zu begleiten. Da ich dachte, diese Vorladung sei nur eine der üblichen Personenkontrollen, bat ich den Jugendgenossen zu warten. Ich wurde sofort auf der Bürgermeisterei von dem Gendarmerie-Oberwachtmeister Dörr und dem Nazi-Beigeordneten Zeidler in einem separaten Raum verhört. Sie wollten wissen, wo unser Abziehapparat, die Fahne und die Bücher versteckt seien. Sie versprachen mir, daß ich dann wieder nach Hause gehen könne. Nachdem ich mich weigerte, drohten sie mir mit einschneidenden Folgen. Der Wachtmeister rief zwei SA-Hilfspolizisten, die mich in das Obdachlosenasyl brachten, das dem Feuerwehrgerätehaus angegliedert war. Ihr Auftrag lautete, mich solange mit Gummiknüppel zu schlagen, bis ich das Versteck der Geräte preisgegeben hätte. Die Bewacher waren mir gut bekannte Arheilger, fast in meinem Alter, und der Auftrag war ihnen sichtlich unangenehm. Außerdem drohte ich ihnen mit meiner Gegenwehr. Nach und nach wurden noch 6 Genossen gebracht, außerdem zwei Arbeitslose, die man beschuldigte, Äpfel gestohlen zu haben. Diese Beiden hatte man vorher in SA-Begleitung in der Gemeinde herumgeführt mit einem Schild um den Hals, worauf ihr Vergehen beschrieben war. Die Genossen hatten, genau wie ich, nichts verraten. Es waren, außer mir, der ehemalige Gemeinderat Karl Damm, der ehemalige Vorsitzende des Erwerbslosenausschusses Willi Lempert, das älteste Arheilger KPD-Mitglied Karl Fleck, der Zimmerermeister Theodor Katz, ein bekannter Leichtathlet namens Heinrich Ruhl, und die beiden Erwerbslosen Hans Gimbel und Georg Büttner.
Wir blieben bis zum Abend eingesperrt, bewacht von SA-Leuten und verpflegt von unseren Angehörigen. Bei Anbruch der Dunkelheit wurden wir durch ein Spalier von Neugierigen zur Bürgermeisterei geführt und mußten einen offenen Polizeiwagen besteigen. Die Begleitmannschaft bestand aus einem Gendarmeriewachtmeister und vier SA-Hilfspolizisten, bewaffnet mit Pistolen. Bei der Abfahrt wußten wir den Grund unserer Verhaftung immer noch nicht. Diesen erfuhren wir erst nach dem Kriegsende während der Spruchkammerverhandlung des Ortsgruppenleiters und Bürgermeisters. Er gab zu, auf Druck von oben die Verhaftung und Einweisung in das Konzentrationslager Osthofen verfügt zu haben. Es war auch die Rede von illegalen Flugblättern, aber keiner hatte ein solches gesehen. In der ersten Verhandlung wurde er in die Gruppe der Belasteten eingestuft. Wir acht ehemaligen Häftlinge traten als Zeugen auf. In der einige Wochen später stattfindenden Berufungsverhandlung war außer uns noch ein ehemaliges KPD-Mitglied geladen. Dieser war nicht verfolgt und sagte aus, er hätte dem Bürgermeister zu verdanken, daß er nicht mit uns in das Lager Osthofen eingewiesen wurde. Die Folge war, daß dem Bürgermeister und pensionierten Baurat eine Einstufung in die Gruppe der Minderbelasteten gelang. Die Begründung des Spruchkammervorsitzenden war bezeichnend für die gesamte Spruchkammerpraxis: ‘‘Dieser nicht verfolgte Zeuge ist glaubwürdig, weil er nicht gelitten hat. Bei den Verfolgten jedoch sind Haß- und Grollgefühle nicht auszuschließen.’?’
Die Mehrheit der bei unserem Abtransport anwesenden Mitbürger verhielt sich reserviert und bedrückt. Ein kleiner Teil aber konnte seine Schadenfreude nicht verbergen und zeigte diese auch gegenüber unseren anwesenden Angehörigen.
Man brachte uns zum Kreisamt Darmstadt, dort umstellten SA-Leute den Wagen, um Neugierige fernzuhalten denn die Bevölkerung war oft Zeuge von Verhaftungen und öffentlichen Vorführungen von Nazigegnern. Einer der Bewacher schlug unseren Genossen Katz die Pfeife aus dem Mund und verbot uns jegliche Unterhaltung. Nachdem uns ein ganzer Stab von sogenannten Amtsträgern besichtigt hatte, bei der auch herabsetzende und beleidigende Äußerungen fielen, fuhren wir über die Bergstraße nach Süden. Die Frage, die sich uns stellte, war: liefern sie uns direkt im Lager Osthofen ab oder werden wir vorher in die SS-Kaserne Worms eingeliefert? Das würde schwere Mißhandlungen bedeuten. So war es auch vorgesehen, doch der Gendarmeriewachtmeister Melchior hat dies verhindert, und so kamen wir direkt in das Lager. Trotzdem ging die Aufnahme nicht ohne Handgreiflichkeiten ab, besonders hatten es die Aufseher auf mich, den jüngsten unserer Gruppe, abgesehen. Die Haare wurden mir mit einer Büroschere abgeschnitten. Wir wußten, daß uns schlimmeres hätte passieren können. Die Beweise wurden uns durch andere Häftlinge geliefert, deren Mißhandlungen am ganzen Körper sichtbar waren. Die Wachmannschaften setzten sich aus ehemaligen ‘‘Alten Kämpfern’’ der SA und SS zusammen, die ihre Erfahrungen aus Straßen-und Saalschlachten einbrachten. Für sie waren wir ohne Ausnahme Gegner, die es zu disziplinieren und unterdrücken galt. Es war ratsam, ihnen möglichst aus dem Wege zu gehen, denn nicht selten wurden einzelne Häftlinge nur zur Unterhaltung schikaniert. Auch mir ist dies mehrere Male passiert. Die Unterkunft in einer alten Fabrikhalle bestand aus zwei Hälften: vom Eingang rechts die Schlafräume mit zweilagigen Holzpritschen ohne Decken oder etwas ähnlichem. Wir wurden auf die oberen verteilt, die Anwesenden mußten zusammenrücken, um uns einen Liegeplatz zu ermöglichen. So, wie man uns zu Hause abgeholt, transportiert und eingeliefert hatte, in den gleichen Kleidung, sollten wir die nächsten Wochen und Monate verbringen. Die Anzahl der Insassen war einem ständigen Wechsel unterworfen, das Lager sollte bis zu 350 Häftlinge aufnehmen können. Das Bedrückende in dieser Situation war die Primitivität des Lagers, die Ungewißheit über die Dauer der Haft und das Ausgeliefertsein an die Bewacher und deren Willkür. Es war einfach menschenunwürdig, mangelnde sanitäre Einrichtungen, nur eine Reihenlatrine im Hof, deren Vorderseite teilweise offen war, eine Wasserstelle neben einem Sandhaufen, denn wir hatten ja keine Seife bezw. Toilettenartikel mitnehmen können. Diese wurden nach und nach durch die Angehörigen bei gelegentlichen Besuchen mitgebracht. Viele dieser Mängel konnten durch die Hilfsbereitschaft und Solidarität der Häftlinge gemildert werden. Als politisch Gefangener war man in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten mit einer hohen Moral und einem mehr oder weniger ausgeprägten Bewußtsein.
Die Juden im Lager wahrten zu uns eine Distanz, sie hofften dadurch ihre Lage nicht zusätzlich zu erschweren. Einige, die in der Nähe ihren Wohnsitz hatten, erhielten an den Wochenenden Urlaub und kehrten mit gefüllten Koffern mit Lebensmitteln und Textilien zurück, die an die Wachmannschaften verteilt wurden. Das geschah in aller Offenheit und blieb uns nicht verborgen. Wir wußten, daß dieser Handel die Folge von Erpressung durch die Bewacher war.
Bei unserer Einlieferung waren alle Räume unbeheizbar. Der September war kühl und ich fror in den Nächten trotz einer Decke, die ich mittlerweile von einem entlassenen Kameraden erhalten hatte. Jetzt erst fiel der Lagerleitung ein, an eine Heizung zu denken. Es kam der Befehl, eine Maurerkollonne zu bilden, um Schornsteine zu bauen. Ich meldete mich sofort und war nun wie es hieß abkommandiert. Das Positive daran war, daß man den Bewachern aus den Augen war, trotzdem war keiner sicher. Jeden Abend erschien ein Aufseher mit einer Namensliste in den Schlafräumen und holte die Kameraden ab, die in das Arrestlager mußten. Hier gab es nachweisbare und auch sichtbare Mißhandlungen und Nahrungsentzug. Meine Maurerkollegen waren aus Mörfelden und kamen gerade aus diesem Lager. Sie brauchten nichts zu erzählen, ihr Aussehen sagte alles. Jeder Tag begann mit der bangen Frage: Was wird heute, wie lange noch halte ich durch, denn bei der Verpflegung machte mir immer noch meine nicht ausgeheilte Krankheit zu schaffen.
An ein Naturereignis erinnere ich mich noch genau: Es war Anfang September, als am Himmel eine Unzahl von Sternschnuppen aufleuchteten. Wir standen eng gedrängt auf dem relativ kleinen Freiraum und sahen wortlos zu. Jeder dachte wohl daran, daß man beim Bemerken einer Sternschnuppe sich etwas wünschen kann. An diesem Abend, glaube ich, gingen viele Wünsche in die gleiche Richtung.
Mit der Zeit wurde das Lagerleben zur Gewohnheit. Es gab Häftlinge, die eine besondere Kunst entwickelten sich an ihrem Schlafplatz eine persönliche Atmosphäre zu schaffen. Wir Schornsteinbauer beeilten uns nicht besonders, mittlerweile waren einige Öfen angeschlossen. Das Brennmaterial Holz lieferte ein Wald rechts des Rheins, das von uns gefällt und transportiert wurde. Der Genosse Katz arbeitete als Zimmermann außerhalb des Lagers und konnte manches Nützliche mitbringen. Die Bedingungen waren etwas besser geworden, vielleicht war es auch die Gewohnheit, vor allem in hygienischer Beziehung, aber im allgemeinen in Bezug auf Essen, Behandlung und Schikanen blieb alles beim Alten. Schlimm war besonders, wenn man des Nachts die Latrinen aufsuchen mußte. Die vor der Tür stehenden Bewacher gefielen sich in unflätigen Beschimpfungen, die nicht selten in Handgreiflichkeiten ausarteten. Ihre Waffen brachten sie in Anschlag und betätigten die Gewehrschlösser. Jeder Tag begann mit der Frage: wielange noch bis zur Entlassung? Unsere Hoffnung wurde durch das Herannahen des Weihnachtsfestes genährt.
Da geschah etwas, das uns acht Arheilger betraf: Anfang Dezember wurde durch den Lagerlautsprecher ein Kupferschmied gesucht, der dem Lagerleiter d`Angelo aus Rohkupfer eine Rauchtischplatte herstellen sollte. Unser Genosse Willi Lempert war Kupferschmied, er meldete sich, und da er der Einzige war, erhielt er den Auftrag. Er bekam einen entsprechenden Arbeitsplatz und besseres Essen, an dem er uns beteiligte. Nach gut einer Woche lieferte er seine Arbeit ab, die vom Lagerleiter als Meisterstück bezeichnet wurde, und er versprach ihm die sofortige Entlassung aus dem Lager. Unser Genosse reagierte spontan und erklärte sofort, daß er alleine nicht das Lager verlassen könne, sondern nur gemeinsam mit uns, denn er geriete sonst in den Verdacht, seine Kameraden im Stich gelassen zu haben. Nach einigen Tagen bangen Wartens kam dann die Nachricht, daß wir acht mit unserer Entlassung rechnen könnten. So kam es dann auch: So wie wir gekommen waren, standen wir mit einem Entlassungspapier, das uns zur Geheimhaltung verpflichtete, vor dem Tor. Nun erhob sich die Frage: wie kommen wir ohne Geld nach Hause? Da fuhr ein Polizeiwagen mit Leidensgenossen aus Oberhessen vor das Lager. Der begleitende Gendarmeriewachtmeister war früher in unserer Gemeinde tätig und kannte uns. Er nahm uns deshalb auf dem Rückweg mit. So fuhren wir wieder unter den gleichen Bedingungen nach Hause, wie wir in das Lager Osthofen gekommen waren.
Die Rückfahrt verlief schweigend, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Es war uns einfach nicht möglich, sich vom Lager, seinen Bedingungen und den Kameraden zu lösen. Wir hatten den Faschismus in seiner ganzen Brutalität und Menschenfeindlichkeit erfahren, umso dankbarer anerkannten wir den Solidaritätsbeweis unseres Mithäftlings und Genossen Willi Lempert. Dieser bestärkte unseren Willen, nicht zu resignieren und alle Möglichkeiten zu nutzen, um dieses System zu bekämpfen und zu beseitigen. Vor allem wollten wir unsere Solidarität unter Beweis stellen und durch Sammlungen und Spenden die materielle Situation der Kameraden im Lager und ihrer Familien verbessern.

30.03.2013