Streit um den Wohnpark Kranichstein

Das Geschäft mit den alten Menschen
Erhard Schleitzer

Die Entega AG ist ein Stromversorgungsunternehmen mit mittlerweile mehr als 30 Tochtergesellschaften. Sie ist u. a. Besitzer des Wohnparks Kranichstein, lässt aber die Einrichtung von der „Wohnpark Kranichstein Betreibergesellschaft“ führen. Die Betreibergesellschaft gehört zur Incura GmbH, mit Sitz in Köln, die insgesamt 13 Altenheime führt.

Im Wohnpark Kranichstein gibt es nun einen heftigen Streit zwischen dem Besitzer Entega und der Betreibergesellschaft. Die Betreibergesellschaft wandte sich an die Bewohner und unterrichtete sie von einer drohenden Schließung der Einrichtung wegen Baumängel. Die Entega erwiderte umgehend, die Baumängel hielten sich im normalen Rahmen eines Gebäudes dieses Alters (1995 gebaut). Entega bezeichnete die Darstellung des Betreibers als unwahr und und kündigte den Vertrag mit der Betreibergesellschaft zum Juni 2018.

Was steckt dahinter? Wohl ein stinknormaler Zoff zwischen zwei Geschäftemachern auf dem Rücken der alten Menschen. Die Errichtung und der Betrieb von Altenheimen haben sich in den letzten Jahren zu einer Pflegewirtschaft entwickelt, in der sich besonders nach Einführung der Pflegeversicherung 1994 auch gut Geld verdienen lässt.

Der Pflegemarkt

Die Ausgaben für Pflegebedürftigkeit lagen 2010 bei 43 Mrd. Euro, davon werden 22 Mrd. Euro von der Pflegeversicherung finanziert. 30 % der 2,6 Millionen Pflegebedürftigen werden in stationären Einrichtungen versorgt. Die Ausgaben der Pflegeversicherung betrugen 2014 24,24 Mrd. €, davon wurden 10,26 Mrd. € für die vollstationäre Pflege aus­gegeben. Das weckt Begehrlichkeiten bei Investmentgesellschaften.

Von den 13 000 Pflegeheime befinden sich 2013 noch 54 % in freigemeinnütziger Träger­schaft. Beinahe unbemerkt in der deutschen Öffentlichkeit drängen internationale Invest­mentgesellschaften auf den Pflegemarkt, bilden große Altenheimketten und schie­ben ihre Anteile je nach Gewinnerwartung hin und her. Der Anteil der privaten Träger beträgt zwar „nur“ 41%, doch 1999 waren es erst 35%. Insbesondere wächst der Anteil der Altenheim­ketten. Öffentliche Träger haben lediglich einen Anteil von 5 %. Al­tenfürsorge mit altruistischen Mo­tiven gehört der Vergangenheit an. Die Altenpflegeein­richtungen der Wohlfahrtsverbände passen sich – oft widerstandslos – dem wirtschaftli­chen Druck an.

Die wichtigste „Player“ auf dem Altenheimmarkt

Korian betreibt in Deutschland insgesamt 221 Einrichtungen mit 24.500 Pflegeplätzen. Die Korian-Gruppe, hierzulande bisher weitgehend unbekannt, ist der größte Altenheim-Betreiber in Europa und ging in Deutschland in den letzten Jahren auf eine beispiellose Einkaufstour. Der Konzern erwirtschaftet europaweit einen Umsatz von 2,8 Mrd. €. Haupteigentümer der Korian-Gruppe sind Versicherungen und Rentenfonds.

Alloheim besitzt 145 Einrichtungen mit 14.000 Pflegeplätzen. Allo­heim wurde 2008 vom britischen Investor Star Capital Partners übernommen, der 2013 seine Anteile an den amerikanischen Investor Carlyle verkaufte. Carlyle ist mit einem verwalteten Vermögen von 162 Milliarden US-Dollar  eine der größten privaten Beteiligungsgesellschaften weltweit.

Curanum betreibt 76 Einrichtungen mit ca. 7100 Mitarbeitern. Der Umsatz betrug 2014 auf 300 Millio­nen Euro. Curanum ist der größte börsennotierte Altenheimbetreiber in Deutschland. 2013 wurde Curanum von Korian übernommen.

Casa Reha betreibt 70 Pflegeheime mit mehr als 10.000 Betten und 4.100 Mitarbei­tern. Der Jahresumsatz liegt bei 270 Millionen Euro. Große Anteile von Casa-Reha gehörten Investmentgesellschaften und Hedgefonds. Diese verkauften 2015 die Gesellschaft an Korian.

Pro Seniore verfügt bundesweit über 103 Einrichtungen mit rund 17.000 Betten und 12.500 Mitarbeitern. Pro Seniore gehört zu der Unternehmensgruppe Victor's Bau+Wert. Der Jahresumsatz der Gruppe beträgt etwa 490 Millionen Euro.

Kursana/Dussmann-Gruppe ist ein großes Dienstleistungsunternehmen mit einem Gesamtum­satz von 1,98 Mrd. Euro im Jahr 2014. Teil der Dussmann-Gruppe ist die Kursana Residenzen GmbH mit 6.500 Mitarbeitern in 96 Seniorenwohn- und Pflegeeinrichtungen mit einem Um­satz von 376 Millionen Euro.

Orpea ist ein französisches börsennotiertes Unternehmen mit einem Marktvolumen von 4 Milliarden Euro. Orpea betreibt in Frankreich 339 Altenheime (dazu auch Kliniken und Kur­anstalten). Insgesamt besitzt Orpea in Europa 650 Einrich­tungen in acht Ländern mit fast 64.000 Pflegeplätzen. In Deutschland verfügt Orpea über 123 Einrichtungen mit fast 11.000 Plätzen.

Trennung von Immobiliengesellschaft und Betreibergesellschaft - Entega und Incura

Die Incura-Gruppe in Kranichstein mag dagegen ein kleiner Fisch sein, doch auch sie will sich ein Stück vom Kuchen des lukrativen Altenpflegemarkts abschneiden. Incura wirbt auf ihrer Homepage mit dem Slogan „sicher und renditestark“. Auch die Entega will mit ihrer Investition Profite erwirtschaften. So geht es bei dem Streit zwischen Entega und Incura natürlich ums Geld und um die bessere Verhandlungsposition, wenn der Betreibervertrag im Sommer 2018 ausläuft.

Die Trennung von Immobiliengesellschaft und Betreibergesellschaft ist ein beliebtes Geschäftsmodell. In dieser Konstruktion vermie­tet der Eigner die Immobilie an die Betreibergesellschaft. Diese deckt – mindestens - die Investitionskosten der Immobiliengesellschaft durch den Beitrag, den die Heiminsassen als so genannte Hotelkosten zahlen. „Dieser Teil der Kosten ist durch die Ein­zelverträge für niemanden nachprüfbar“, urteilt Transparency Deutschland in einem Bericht „Transparenzmängel, Betrug und Korruption im Be­reich der Pflege und Betreuung".

Eine Kostenlegung der Entega für ihre Investitionen und Erträge im Wohnpark Kranichstein wäre sehr interessant. Schließlich ist sie ein Unternehmen der Darmstädter Stadtwirtschaft.

 

 

30.06.2017